Wer?

Tobias Gralke wurde 1991 in Wiesbaden geboren, als die alte Dame 20. Jahrhundert bereits im Sterben lag, einen Tag nachdem die Scorpions mit Wind Of Change die Spitzenposition der deutschen Charts verloren, dreizehn Wochen bevor Freddie Mercury starb, im Jahr der Selbstauflösung der Sowjetunion, der Entdeckung von Ötzi und der vierten, vorletzten Vereidigung Helmut Kohls, der bundesweiten Inbetriebnahme des ICEs und der ersten demokratischen Wahlen in Nepal. Beeinflusst hat ihn das alles aber nicht im Geringsten, und wenn doch, ist er sich dessen nicht bewusst oder  noch dabei, die Zusammenhänge zu erforschen.

Nachdem er in Wiesbaden erfolgreich den Kindergarten und die ersten beiden Schuljahre absolviert hatte, wurde er nach Ostfildern gezogen, wo er die nächsten elf Jahre  zu Hause war und  sein dortiges Leben mit der Gründung der ersten und bis heute einzigen Porno Punk-Band der Welt, dem Spielen in der ortsansässigen Jugendbühne, der Produktion seines Solo-Albums, dem Schreiben erster Gedichte, mit Schneeballschlachten und der Suche nach Gold verbrachte, und von wo aus er schließlich im Jahre 2010 mit dem Abitur in der Tasche nach Heidelberg zog, um am Theater zu arbeiten und endlich rund um die Uhr eine mittelalterliche Schlossruine betrachten zu können. Was genau ihn dann ein paar Monate später wieder von dort vertrieb, darüber wollen wir hier Stillschweigen bewahren und lieber festhalten, dass er eines Tages im Sommer aus einem Transporter stieg, sich blinzelnd umsah und für gut befand, was er dort sah, so dass er vorerst blieb wo er war – in Freiburg im Breisgau.

Heute schreibt Tobias Gralke Lyrik und Prosa, reist durch Deutschland und spricht seine Texte vor sich hin, mal leise auf nächtlichen Spaziergängen und mal auf Bühnen in ein Mikrofon. Die meiste Zeit sitzt er also vor seiner Schreibmaschine oder in Zügen, und hat daher in den letzten Jahren seine geografischen Kenntnisse beständig verbessert.
Nur manchmal, wenn er gerade einmal nicht unterwegs ist, wenn er nicht schreibt, dann sitzt er an der Dreisam, die treppabwärts fließend die Stadt durchteilt, und fragt sich, was das eigentlich war, in den Jahren bis Jahrtausenden bevor er auf die Welt kam, welche Zeit er da eigentlich im zufälligen Geborenwerden gestreift hat, und warum gerade diese, und was da noch kommen wird nach ihm, und warum gerade er, und warum jetzt.

Und wenn er dann einmal Texte über sich selbst schreiben soll und sich all das vor Augen hält, muss er fast schmunzeln ob der Tatsache, dass der ICE in seinem Geburtsjahr die Fahrt aufnahm.

Dann findet er aber auch, dass das nun wirklich genug der etwas bemühten Geschichtsdeutung und Parallelenziehung ist.

Und erwähnt schlussendlich doch noch, dass er tatsächlich auch einmal in Nepal gewesen ist.

Nur der Vollständigkeit halber, und einfach weil es dort so schön war.

© Valentin Gienger

© Armin Sengbusch

© Armin Sengbusch

3 Kommentare (+add yours?)

  1. Achim Gralke
    Jul 08, 2011 @ 09:43:37

    …ich muß mal ein bißchen klugscheißen in Bezug auf den ansonsten wunderbaren Lebenslauf: stimmt zwar, dass Helmut Kohl im Jahr 1991 vereidigt wurde, aber bereits zum vierten Mal nach 1982, 1983 und 1987… War eher Routine… Aber es hat Dich ja eh nicht beeinflußt ;-) )…

    LG
    P.

    Antwort

  2. Tobias
    Jul 08, 2011 @ 09:49:56

    Du hast ja Recht! Habe es sogleich angepasst :)

    Antwort

  3. Sophie
    Aug 10, 2011 @ 16:37:54

    Das ist ein wahrlich wunderschöner Lebenslauf. Vorallem als du umgezogen wurdest, und Nepal und alles und überhaupt. ach.

    Antwort

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