Notizen am Jahresende

Da saß ich also.
In einem Raum im fünften Stock eines Hotels, der für viele Menschen gedacht war, die alle irgendwo anders waren, nur nicht hier. Viel zu helles Licht und Weihnachtmusik aus den Boxen an der Decke, dieselbe CD seit Stunden. Da saß ich also, sah durch mein mattes Spiegelbild in der Glasfront auf den dampfenden Schornstein gegenüber und war nichts mehr, hatte aufgehört irgendjemand oder irgendetwas zu sein. Ich hätte nicht einmal sagen können, seit wann ich hier saß oder was ich in dieser Zeit getan oder gedacht hatte. Nur dass ich hier war, wusste ich in diesem Moment. Offensichtlich musste ich es sein, denn ich dachte ja etwas, konnte mir zuhören beim Denken und sogar mit diesem Denken in Kontakt treten und ihm widersprechen. Nun, dieses Denken war da, dieser unaufhörlich quasselnde Geist, und da niemand anderes im Raum war, musste das ja schließlich ich sein. Alles andere wäre verstörend gewesen, und also hörte ich auf mich zu fragen und identifizierte mich mit diesem Denken, wie man es eben tut als Mensch. Dieses Denken war ich. Ich war dieses Denken und saß da.

Natürlich fragte ich mich, was ich denn nun war in diesem Moment. Ich konnte ja schlecht nichts sein, wenn ich doch gleichzeitig dieses Denken war. Irgendetwas ist man ja schließlich immer. Doch die Wahrheit war diese: Ich war geflohen aus meinem Leben, hinein in diesen unwirklichen Raum, und da niemand anderes da war, der mich dabei sehen konnte, da ich mich den Blicken anderer entzogen hatte, war mein Denken alles was ich war. Dieses Denken füllte den Raum, meinen Blick, und ich hatte mich ihm ganz überlassen. Ich war völlig dieses Denken, und dadurch war ich alles und war ich nichts. Ich existierte, aber niemand wusste, wo ich war, was ich tat. Niemand sah mich. Es war seltsam, doch mir fehlte nichts. Ich war frei.

Eine merkwürdige, fast anzügliche Art von Freiheit, möchte man meinen. Ich war frei und saß da, als gäbe es nichts tausende bessere Möglichkeiten, das zu nutzen. Aber ich hatte mich ja entschieden, hier zu sein. Wenn auch nicht bewusst, so hatte mich doch etwas hierher geführt in diesen letzten Tagen, und hier saß ich nun und hatte mit meiner Freiheit umzugehen.

Ich schrieb das bereits, ich war geflohen. Ich hatte mich losgerissen von dem Mädchen, das ich liebte und meiner Liebe zu ihr, in die ich mich besinnungslos gestürzt hatte. Ja, das war es. So wie ich mich zu Beginn zu ihr, in sie geflüchtet hatte, so kopflos hatte ich sie wieder verlassen und war abgetaucht, verschwunden, spurlos. Ich hatte versucht mich zu erklären, ein paar Worte dagelassen, die versuchten zu beschreiben, was ich fühlte und was mich dazu gebracht hatte, einfach zu gehen, nein, viel mehr zu rennen und sie regelrecht abzuschneiden von mir. SIE, die doch mein Leben mit Glück erfüllt hatte, wie nie jemand zuvor, die mir Leichtigkeit geschenkt, mich oftmals hatte schweben lassen. Doch letztlich hatte ich einsehen müssen, dass eine Erklärung hier zu nichts geführt hätte. Es gab in dieser Situation keine Rationalität, es gab nichts zu verstehen. Sie schrieb noch, ich habe sie ins Gesicht geschlagen, und hatte recht. Wie sollte ich da auf Verständnis hoffen? Man redet nicht mit jemandem, dem man ins Gesicht geschlagen hat. Man dreht sich um und überlässt den Geschlagenen seiner Ungläubigkeit, seiner Wut. Man selbst rennt besser davon und versucht zu verstehen, warum man überhaupt zugeschlagen hat. Das tat ich also. Ich war weg. Geflohen. Nichts.

Es stimmt nicht, dass niemand wusste, was mit mir geschehen war. Ich hatte im Fliehen noch ein paar Spuren gelegt und wenigen mir nahestehenden Menschen geschrieben. Sie wussten, dass ich weg war. Doch wo, das wusste niemand von ihnen. Die kurzen Nachrichten waren nicht mehr als vage Fährten, denen sie folgen konnten, sofern sie denn wollten. Hauchdünne Fäden, die ich aus meinem Versteck gespannt hatte. Sie konnten vorsichtig an ihnen zupfen und ich würde es merken, vielleicht die Kontaktaufnahme erwidern. Doch letztlich blieb es in meiner Hand. Ich hatte ein paar rettende Fäden ausgelegt, und konnte jederzeit wieder heraus aus meiner Einsamkeit. Doch blieb es meine Entscheidung, wann und ob ich das tun würde.

Ich begann mich zu fragen, wie man überhaupt so tief fallen konnte als Mensch. Wie das überhaupt sein konnte, dass man plötzlich nicht mehr war, was man als Wesen oder Persönlichkeit betrachtet hatte. Schlimmer noch – dass man eigentlich gar nichts mehr war als denkender Geist, der sich irgendwo auf ein Dach setzte und sich selbst betrachtete und selbst genügte. Dass man einfach so sagen konnte, ich gehe, und schon tat man es und war nichts mehr. Es sind ja die Blicke der anderen, die aus uns erst etwas machen, unter denen wir zu etwas werden. Es ist ja die menschliche Wahrnehmung, die sich das bloß Existierende begreifbar macht und zuschneidet auf etwas, das sich benennen und erklären lässt. Es ist ja das, was überhaupt erst so etwas wie einen Versuch von Objektivität bildet – die Begrifflichkeit, das Vermittelte. Dem entzogen sind die Dinge nicht zu fassen, und es verbietet sich ein Versuch ihrer Benennung, der ohne Zweifel unzureichend sein muss. Dem entzogen sind sie nichts, weil keine Wörter ausreichen, sie zu beschreiben. Der begrifflichen Gewalt, dem Blick der Menschen entrissen, hören sie einfach auf etwas zu sein. Fast musste ich lachen. Das war der Mensch – was er nicht fassen konnte, gab es nicht. Was er nicht sah, war nicht einmal da. Es war widerwärtig. Grässlich. In jeder Handlung war Gewalt. Wo man nur hinsah Gewalt. Doch war ich dem Menschen in diesem Moment auch dankbar für seine Unzulänglichkeit. Sie erleichterte mir mein Verschwinden. Wenn nicht vor mir selbst, dann wenigstens vor den anderen.

Vielleicht war ich deswegen geflohen. Es gibt Dinge, die man sich im Verstand zurechtlegen kann und völlig klar sieht, und doch im Fühlen nicht akzeptieren will. Ich hatte gewusst, dass ich sie nie würde halten können. Mein Gott, ich hätte es nicht einmal gewollt. Wir hatten es irgendwann geschafft, in langen Gesprächen und Briefwechseln, uns zu deuten und die Vagheit unserer Begegnung zu akzeptieren. Wir hatten uns ineinander verstrickt, verloren, viel zu tief, als dass wir uns irgendwie hätten gehen lassen und vergessen können. Also hatten wir den offenen Umgang gepflegt, waren ehrlich gewesen zueinander. Wir hatten keine Nähe unterdrückt und keine Distanz verschwiegen. Respektvoll und aufmerksam hatten wir uns gegenüber gesessen und nie etwas versprochen, was niemand zu halten vermag. Was kann man denn schon von anderen Menschen verlangen? So hatten wir uns durch die Monate gelebt. Wir begegneten uns in verschiedenen Städten und Jahreszeiten. Sprachen nächtelang und betranken uns an den Worten des anderen. Saßen staunend vor manchem Sonnenaufgang, dem ersten Schnee des Jahres. Liebten uns in fremden Betten im Morgengrauen und auf taufrischen Wiesen bei Nacht. Hielten und beflügelten uns zu mancher Großtat, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen. Mein Gott, wir veränderten uns, ohne es zu merken. Wir erzählten niemandem davon für lange Zeit. Wir waren unsichtbar. Nichts. Es war eine Zwischenebene, auf der wir uns gefunden hatten und immer wieder begegneten, wenn wir heraustraten aus unseren Leben und das Erlebte teilten. Dankbar für jeden Moment, in dem wir sein konnten, von der ersten Sekunde im Vertrauen auf die Ehrlichkeit, mit der einer irgendwann gehen würde, wenn es Zeit dafür war. Ja, wir lebten eine Utopie. Unvoreingenommen und mit aller Begeisterung, als hätten wir nie Wunden erfahren. Nun war ich gegangen. Nein, hatte mich losgerissen. Auch sie hatte das oft getan. Sie hatte erreicht, was ich nie vermocht hatte. Sie hatte die Ebene der Verliebtheit verlassen, und war leicht und stark mir gegenüber. Ich dagegen hatte mir und ihr eingeredet, das ebenfalls zu können. Ich wusste, dass ich sie nicht würde halten können und spürte doch dieses seltsame Verlangen, mich aufzugeben, aufzulösen in ihr. Zum ersten Mal wollte ich gehalten werden und hätte alles aufgegeben, um nur mit ihr zu sein. Als ich schließlich in dieser Nacht im Schnee lag und mich ins gerade erst gefallene Weiß übergab, riss ich mich los. Was verlangte ich denn? Aus den Abgründen meines Fühlens stieg  Verdrängtes auf, schüttelte mich und warf mich zu Boden. Alles das, was sich nie meinen klärenden Gedanken gefügt hatte. Ich liebte sie und zerbrach daran, weil ich nicht geben konnte, was ich sagte. Ich versuchte sie zu besitzen, festzuhalten und hätte sie doch nur mit meiner Schwere erdrückt. Es war widerwärtig. Grässlich. Überall war Gewalt, und wir waren ihr hilflos ausgeliefert. Deswegen war ich geflohen. Vorerst. Ich wollte ihr wieder nahe sein, wenn ich es irgendwann könnte.

Ich hatte mich losgerissen und war frei. Eine schäbige Art von Freiheit, doch fürs Erste erleichternd. Ich fühlte mich schwach, weil ich das, was ich liebte nicht gebührend behandeln konnte. Weil ich wusste, was das richtige wäre, und es nicht schaffte, es zu tun. In mir wütete der Urschmerz der Menschheit. Das Leiden darüber, dass man nichts wirklich halten kann. Was sollte das für eine Welt sein, in der man im einen Moment etwas spüren und besitzen, und es nur kurze Zeit später wieder verlieren konnte? Die Wahrheit ist: Wir besitzen nichts. Alles ist flüchtig und fragil. Wir können nichts tun, als die Dinge wahrzunehmen, uns an ihnen zu verausgaben und besinnungslos zu lieben. Wir können sie berühren und kosen, sie zärtlich umarmen, aber halten können wir sie nicht. Nicht gegen ihren Willen. Nicht ohne den Preis der Zerstörung zu zahlen. Liebe will das. Liebe kann ziehen lassen. Verliebtheit nicht. Verliebtheit im Moment geboren, im Rausch getränkt, will besitzen und an sich reißen. Würde ich sie jemals ziehen lassen können? Ich wusste es nicht. Ich liebte sie und war geflohen, um das herauszufinden.

Ich begann ihr einen Brief zu schreiben und ließ es sein. Was hätte ich sagen sollen? Es hatte sich ja nichts verändert seit meiner überhasteten Abschiedsnachricht. Ich wollte nur hören, wie es ihr erging. Wie man sich fühlt, eine Woche, nachdem man ins Gesicht geschlagen wurde. Ich ließ es bleiben.

Für wen schrieb ich das eigentlich alles auf? Die Menschen, die da draußen ihrer Wege gingen und gar nichts wissen konnten von mir? Diese abstrakte Masse von Gleichartigen, aus denen mir nur ein paar Gesichter vertraut waren, deren Geschichte ich begleitet und beeinflusst hatte? Für wen schrieb ich das eigentlich? Sie hatten ja keine Ahnung davon, dass ich hier saß, und was sollte es sie auch interessieren, wieso ich hier saß und was ich dachte? Man könnte das natürlich glauben: Dass die Schicksale anderer von maßgeblichem Interesse sind für das eigene Leben, und ich glaubte es. Doch was hätte ich sagen sollen? Würden sie es verstehen? Wie sollten sie denn?

Wie sollten sie verstehen, wieso ich hier saß. Wie sollte ich überhaupt beschreiben können, wer sie war und was geschehen war in ein paar Monaten. Die ganzen Momente. Die Tänze im Regen. Die durchlebten Nächte in Zweisamkeit. Das Sitzen auf Fensterbrettern. Den herben Geschmack filterloser Zigaretten. Das Gefühl eines lauen Frühlingswindes an nackten Füßen. Die Leichtigkeit. Die gesungenen Lieder. Die geflüsterten Botschaften. Das Beben ihres Körpers.  Die vergossenen Tränen darüber, dass das nicht zu halten und vergangen war. Darüber, dass ich Schmerz verursachte, wo er nie hatte sein sollen.

Wie sollten sie es verstehen? Wie sollte ich es beschreiben? Die Verfälschung begann bereits im Erinnern. Und da wusste ich es: Alles Gesagte ist lediglich vermittelt. Alles Erzählte nur Fragment und Ausschnitt des Ganzen. Nie würde es gelingen, einen einzelnen Moment  umfassend, wirklich und aufrichtig darzustellen. Alles was wir sahen und taten waren Szenen, fokussierte Detailaufnahmen eines riesigen Gemäldes. Ich konnte nichts sagen darüber ohne zu verfälschen, was geschehen war. Mein Gott, ich hätte den Rest meines Lebens damit verbringen können, die Monate mit ihr zu rekonstruieren und es wäre nichts geworden. Ein Glauben brach zusammen. Wir konnten tausende Jahre lang immer wieder einen Augenblick wiederholen, uns vor Augen halten, und er wäre doch längst vergangen. Im Schreiben begann die Vermittlung. Das Zuschneiden. Überall war Gewalt. Und doch tat ich es. Für mich. Ich schrieb es für mich. Weil es mir half zu verstehen.

Also schrieb ich für mich. Weiß Gott, warum es mir half. Vielleicht würde es irgendwann einmal jemand lesen. Wir haben ja keine Macht darüber, was mit dem geschieht, was wir in die Welt setzen. Von dem Moment an, in dem wir etwas schaffen, existiert es und wird gesehen. Natürlich hätte ich es danach verbrennen können, einschließen und mit einer Warnung versehen – „Don’t read my diary!“  – was hätte das genützt? Es war mir egal. Sollten sie es doch lesen. Sollte es doch in die Welt hinaus und sich anderen aufblättern in seinem Geltungsdrang. Sollten sie doch ihre Nasen hineinstecken und sich mit großen Augen sattsehen an meinem Elend. Es war geschrieben für mich. Ein anderer würde es auf seine Weise verstehen oder auch nicht. Was kümmerte mich das? Wir konnten nichts halten, was einmal existierte. Man entscheidet sich ja auch nicht, Künstler zu werden. Höchstens es zu bleiben, wenn man einmal damit angefangen hat, Dinge zu schaffen. Man schreibt für sich, so wie man etwas für sich malt oder singt. Dann ist es da und alles Weitere bleibt dem Wind überlassen.

Da saß ich also und war nichts. Begann mir einzureden, dass eigentlich nicht viel geschehen war. Ich war ja noch da. Denn auch das muss man sich ja ehrlich fragen: Will ich noch hier sein? Ich hatte es mich gefragt in besagter Nacht, als ich am Straßenrand lag und die Scheinwerfer der vorbeirasenden Autos verführerisch durch den Nebel blitzten. Habe ich noch die Kraft, meine eigene Schwermut zu tragen? Es ist ja weiß Gott nichts, aber auch gar nichts Schönes an diesem Weltschmerz in seiner reinen Form. Warum also hatte ich es nicht getan? Ich hatte es mich offen und unvoreingenommen gefragt und eine Antwort gefunden, die mir die einzige war in diesem Moment. Es war grotesk, aber ich tat es für sie. Weil ich es nicht ertrug sie zu beschweren. Weil ich mir vorgenommen hatte, mich von ihr zu lösen, um ihr dann wieder neu begegnen zu können. Das war es. Das war alles. Es war nicht viel geschehen. Doch der Schmerz des Losreißens, des Zuschlagens, machte mich frösteln und zerriss mich von innen.

Dann betrachtete ich noch einmal mein Spiegelbild in der Fensterscheibe und merkte, dass ich all das in der Vergangenheit geschrieben hatte. Als seien es Fragmente eines Tagebuchs, das ich nach langen Jahren auf einem Dachboden finde und das mich zum Lächeln bringt. Als sei es längst vergangen und ich hätte einen neuen Platz gefunden für mich.

Doch wie soll das sein? Ich sitze ja noch immer hier.

Es ist nicht viel geschehen. Doch nach einem Schlag ins Gesicht bleibt zunächst einmal die Stille. Das Nichts, in das sich hineinhorchen lässt, erst widerwärtig, dann ehrlich interessiert. Denn dieses Nichts ist eigentlich Denken. Und dieses Denken fängt zu sprechen an. Hinein in die Stille schwatzt es pausenlos und fragt sich warum. Und wenn es irgendwann genug geschwatzt hat, will es hinaus in die Welt und sich mitteilen. Dann beginnt alles von vorn.

Dann werde ich aufstehen. Ich werde aufstehen und hinausgehen. Doch bis dahin bleibe ich sitzen. Ich bleibe sitzen bis ich ihr schreiben kann. Bis ich weiß, was ich ihr schreiben soll.

In den nächsten Tagen werden sie ihre Raketen zum Himmel schießen und sich an den Funken erfreuen. Ich werde zusehen und lächeln, doch sitzen bleiben.

Ich habe mich in den Wind begeben.

Wo ich doch weiß, wir kommen niemals um ihn herum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.