Notizen am Jahresende

Da saß ich also.
In einem Raum im fünften Stock eines Hotels, der für viele Menschen gedacht war, die alle irgendwo anders waren, nur nicht hier. Viel zu helles Licht und Weihnachtmusik aus den Boxen an der Decke, dieselbe CD seit Stunden. Da saß ich also, sah durch mein mattes Spiegelbild in der Glasfront auf den dampfenden Schornstein gegenüber und war nichts mehr, hatte aufgehört irgendjemand oder irgendetwas zu sein. Ich hätte nicht einmal sagen können, seit wann ich hier saß oder was ich in dieser Zeit getan oder gedacht hatte. Nur dass ich hier war, wusste ich in diesem Moment. Offensichtlich musste ich es sein, denn ich dachte ja etwas, konnte mir zuhören beim Denken und sogar mit diesem Denken in Kontakt treten und ihm widersprechen. Nun, dieses Denken war da, dieser unaufhörlich quasselnde Geist, und da niemand anderes im Raum war, musste das ja schließlich ich sein. Alles andere wäre verstörend gewesen, und also hörte ich auf mich zu fragen und identifizierte mich mit diesem Denken, wie man es eben tut als Mensch. Dieses Denken war ich. Ich war dieses Denken und saß da.

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Zwischenwelten

Mal wieder ein kleines Lebenszeichen, hier, nach zwei Monaten oder länger, aus der vernebelten Stadt am Nachmittag, auch wenn es nichts zu sagen gibt, was wirklich wichtig wäre, dies und das, nur eben ein kleines Lebenszeichen.

Der Sommer ist aus, die langen Monate des Reisens, auf Tour, in neuen Städten, auf Kuba. Er lag irgendwo hinter den Hügeln, den Wolkentürmen, den undurchdringbaren Nebelwänden, und dann gingen wir durch und nahmen ihn uns, wie versprochen und vorgehabt. Jetzt eben retrospektiv, es war ein guter Sommer.

Jetzt eben angekommen, physisch zumindest, und vieles, was es wert wäre, wiederaufgenommen zu werden, lässt sich nicht mehr einfach nehmen, eingetaucht und zurückgekehrt, in neue Zusammenhänge, neue Zeiten.

„Ich komme aus einer anderen Welt“, sagt der Mann neben mir, und stippt die Nase in den warmen Milchschaum seines Kaffees, niemand kommt so richtig an. Tage in Zwischenwelten, es wird Zeit für den Herbst, wir werden lange Briefe schreiben, uns gegenüber sitzen und erzählen, vom Sommer, von unterwegs, das Neue umreißen, und irgendwann ankommen. Ich höre gerne zu.

Und manchmal ein Lebenszeichen,
zwischendurch.

PS: Dieses famose Literaturmagazin druckt in der kommenden Ausgabe einen Text von mir, und ist auch sonst uneingeschränkt zu empfehlen!

PPS: Valentin Gienger, mit dem ich den Sommer auf Kuba verbringen durfte, und der ohnehin ganz wunderbar ist, hat eine kleinste Auswahl von Fotos auf seinem Blog.

Räume räumen

Ich bin wieder hier, zumindest für eine Übergangszeit. Aus Heidelberg ausgezogen nach knapp zehn Monaten und bis Oktober unterwegs, nun noch einmal in der Heimat, mit gepackten Kartons im Schlepptau, gespeicherten Momenten im Kopf, über dem noch ein bisschen der Hals baumelt vom schnellen, schlaflosen Aufbruch nach einer wunderbaren Nacht.

Jetzt bin ich wieder hier, wo ich schon einmal elf Jahre war, und wohin ich wohl immer wieder zurückkehren werde, der Ort, der wohl Zuhause, und doch diesmal nur für den Übergang bestimmt ist. Jetzt beginnt der August, jetzt ist es Zeit, drei Wochen in Zügen, auf Bühnen, in neuen Städten, in fremden Betten – Friedberg, Freiburg, Düsseldorf, Bonn, Köln, Amberg, Hamburg, Hannover, Berlin, Münster, Wiesbaden, und dann schon Havanna, fünf Wochen Kuba.

Was heißt es schon, „hier zu sein“? Zuflucht und vertrautester aller Rückzugsorte, zu denen nun eine weitere Stadt gehört.

Es bleibt eine Reise.

Wir ziehen ein Netz.

Für den Moment

Also stürmt es auf dem See
wo kleine Wellen sich
an Körpern brechen, wie
in Calgary und anderen Orten

wird es Sommer? oder was
hat diese Ahnung zu bedeuten
die ich in mir trage, seit
geraumer unbestimmter Zeit

werden selbstgegebene
Versprechen wahr und
unsere Körper häuten sich

doch nicht zum ersten Male

glaube ich
hier
richtig
zu sein

liegt ein Gewitter in der Luft

Für Rhein-Neckar-Residierende

Liebste Lieblingsleser von nah und fern,

ein weiteres Mal missbrauche ich diese wunderbare kleine Plattform um Werbung zu machen für eine Veranstaltung, die mir aus naheligenden Gründen sehr am Herzen liegt, und für die ich auf allgemeine Teilnahme hoffe.

Diesen Sonntag, den 19. Juni moderieren mein liebster Weggefährte auf deutschen Slam-Bühnen, Philipp Herold, und ich den ersten Heidelberger DEAD OR ALIVE – POETRY SLAM, der pünktlichst um 19.30 Uhr im innenstädtischen Theaterkino stattfinden wird.

Was wir haben? Vier Bühnenpoeten von feinster Qualität und blendenster Schönheit, die mit ihren weitgereisten und oft erprobten Texten die Größen der Weltliteratur herausfordern, die an diesem Abend von vier Schauspielern des Heidelberger Stadttheater-Ensembles verkörpert werden.

Nun, da sich mein Jahr in Heidelberg langsam dem Ende neigt und ich bereits im August dieses liebenswürdig verschlafene Städtchen wieder verlassen werde, ist die Freude über den bevorstehenden Abend noch umso größer, an dem nahezu alle Menschen zusammenkommen, die mich in diesem Jahr begleitet und diese Stadt in kürzester Zeit in mein Herz haben schließen lassen – mit ihren engen, hochtrabenden Gassen, den tausenden Vororten, den tausenden Studentenverbindungen, den endlosen Windungen des Neckars, den stets verspäteten Bussen und Bahnen, den nächtlichen Suffproleten, den morgendlichen Halbtagstouristen und Schlössertour-Durchreisenden, den tanzenden Wasserlichtern unter der Alten Brücke, den unbeirrbaren Glockenschlägen, den Souvenirläden in Kirchen, den überteuerten Cafés, den vertrauten Gesichtern, den euphorischen Nächten an Flussufern, in verrauchten Kneipen, auf Dachterrassen und Fensterbänken, den vielen Umarmungen im Morgengrauen.

Schauspieler und Bühnenpoeten, Verzauberer und Blender, Verschwender des eigenen Geists, der eigenen Liebe, gesprochene Worte und geteilte Faszination, Tote und Lebendige -
„wenn ich könnte, würde ich euch alle heiraten!“, sagte erst unlängst eine der vier, die wir am Sonntag begrüßen.

Ich wusste, was sie meint.

Alle weiteren Informationen, wichtig oder auch nicht, finden sich hier. Dort gibt es auch die Tickets im Vorverkauf, was in Anbetracht des verhältnismäßig kleinen Theaterkinos keine allzu absurde Idee erscheint.

So kommet doch alle, es wird glorios!

Ein Anfang

Versfragmente in die Sphäre schreiben,
mit offenen Augen im Menschenmeer treiben,
Gedankengänge geisternd im Raum durchschreiten,
fernab liegende Zeiten im Traum bereisen.

Im Kielwasser der eigenen Langsamkeit gleiten,
in Schneepflugschwimmzugschaumschlägerschneisen,
durch eine Welt, die stets zum Lautesten neigt -

wie schön man ruht, wie schön man schweigt.

Was ich dir schrieb

Wir sind die meiste Zeit Figuren
die vorgeben, so wichtig zu sein
wie wir uns selbst gerne hätten,
ich weiß.

und doch trage ich mich
manches Mal so scheußlich schwer
dass nur das Gras mich auffangen könnte
am blühenden Ufer
an das sich Ausläufer
der Strömung entziehen

dort wo wir die Stunden ließen
in denen du bei mir warst
und ich so leicht
(fast nebensächlich)
wie ein Pfeifen hinaus zum Hinterhof
das vom Fensterbrett hüpft

und sich im Tag verfängt

Da, wo die Boliden fahren

Liebste Lieblingsleser, die ihr eure Augen gerade auf diesen Blog richtet,

ich war und bin nach wie vor viel unterwegs zur Zeit, auf, hinter und vor Bühnen, in Zügen und Bars, in Bahnhöfen und Städten und manchmal, sind Städte darunter, deren Name ihnen vorauseilt, und manchmal sind Bühnen dabei, die nicht oft bestiegen werden, und manchmal, wie das so ist, kommt es dann vor, dass jemand seine Kamera bereit hält und laufen lässt und mich dabei einfängt und das Ergebnis ins Internet stellt.

So auch jetzt wieder geschehen, bei einem Auftritt im Pumpwerk zu Hockenheim, da also, wo sonst an manchen Tagen ganze Horden von Freunden des motorisierten Rennsports einfallen und die beschaulichen Reihenhausgebiete beschallen, und wo wir nun für einen Abend auch das gesprochene Wort in den Veranstaltungskalender rückten.

Einige kennen den Text bereits, ob nun gesprochen oder geschrieben, aber dennoch hier  das Video eines Abends, an dem es in Hockenheim ganz still und andächtig wurde, zwischen zwei Rennen auf dem großen Ring.

Ein Klang

PS: Leo ist übrigens der kleine Affe, der das Hamburg-Bild ziert. Und Boliden ein wirklich seltsames Wort.

Hamburg, Teil 1

In Deutschlands berühmtester Hafenstadt,
wollt’ einst ein Äffchen die große Welt sehen -
doch da es morgens zu lange geschlafen hat,
konnt’ es dort nur noch auf Elbrundfahrt gehen.

 

Auf einer Reise

Verehrte Leserschaft,

ich möchte die Gunst der Stunde nutzen, jetzt, hier, um halb drei nachts in einem spärlich beleuchteten Wohnzimmer in einem kleinen Ort auf der Filder, dieses seltsam deplatzierte  Gebilde zwischen einer Wach- und einer Schlafperiode, um hier noch in aller Kürze und Formlosigkeit auf ein derzeit laufendes Projekt aufmerksam zu machen, das mich die letzten Wochen beschäftigt hat und nun seit einer Woche bühnen- und betrachtungsreif ist.

Es handelt sich dabei um „Expedition und Psychiatrie“, ein Stück des großartigen Nis-Momme Stockmann, seines Zeichens gefeierter und erfolgreicher Nachwuchsautor der deutschen Theaterszene, das dieser nun am Heidelberger Stadttheater selbst verwirklicht und in Szene gesetzt hat.

Und irgendwie, es bleibt ein Rätsel wie genau, bin ich dabei mit auf die Bühne gestolpert und nun in mehreren kleinen Rollen zu sehen. Wie oft genau das Stück letztlich gespielt wird, ist ungewiss, im Moment jedoch sind acht Vorstellungen geplant und angesetzt.

Weitere Infos gibt es hier, zum Beispiel was die Presse sagt. Und Bilder,  viele schöne Bilder. Und ein Programmheft. Und Namen. Und Bilder. Oh, und Termine. Die sieht man aber auch hier. Wählen Sie. Unterschreiben Sie. Oh, und noch einen Trailer gibt es jetzt, einen Trailer auf Youtube!

Und damit auch genug gesagt.

Ich schaue hinauf in dieser Nacht und sehe nichts als die Schatten der Wolken.

Oh, why won’t you just tell me what’s going on?

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